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29. August 2017

Es lohnt sich Vertrauen in die Jugendlichen zu setzen

Ältere Frau sitzt an einem hellen Holztisch und rechts von ihr ist das Buchcover abgebildet.
Ältere Frau sitzt an einem hellen Holztisch und rechts von ihr ist das Buchcover abgebildet.

Irene Bush leitet zusammen mit der Kinder- und Jugendpsychiaterin Dr. Therese Steiner seit acht Jahren das Youth2Youth-Ausbildungsprogramm (Y2Y), das in unseren Projektländern sehr erfolgreich ist. Wir haben sie gefragt, woher dieser Erfolg kommt und was sie aus der Zeit gelernt hat.

terre des hommes schweiz: Was ist Y2Y in einfachen Worten erklärt?
Irene Bush: Youth2Youth ist ein Ausbildungsprogramm in dem Jugendliche lernen den Lösungsorientierten Ansatz (SFA) anzuwenden. Das heisst, sie lernen, wie sie besser kommunizieren und wie sie ihre schon vorhandenen Stärken nutzen. Ausserdem lernen sie bessere Ziele zu setzen, um diese Ziele auch erreichen zu können. Im Verlauf dieser Ausbildung entwickeln sie sozusagen eine Art Haltung, die sie sowohl auf ihr Leben, als auch bei der Arbeit mit anderen Jugendlichen anwenden können.

Was sind das für Jugendliche, die am Y2Y-Programm teilnehmen?
Das sind Jugendliche, die von unseren Projektpartnern geschickt werden. Das heisst es sind Jugendliche, die zwar ganz viele Stärken besitzen, aber durch ihre Lebensumstände benachteiligt sind. Sie haben Schwierigkeiten und müssen mit diesen Herausforderungen leben

Was sind das für Schwierigkeiten?
Die einen haben Eltern, die an HIV/Aids erkrankt sind. Andere wachsen zum Beispiel alleine auf und vielfach noch in schwierigen Umständen wie Armut, Verwahrlosung und in einem Umfeld voller Gewalt.

Hinter dem Y2Y-Programm steckt auch eine besondere Lehrmethode. Was ist das Besondere daran?
In Afrika herrscht der Frontalunterricht vor. In den Schulen lernen Schülerinnen und Schüler vor allem das Nachplappern von Inhalten. Die Fähigkeit, etwas selbst herauszufinden oder zu diskutieren, wird vernachlässigt. Im Gegensatz dazu bestimmen bei Y2Y die Jugendlichen mit, was für sie nützlich ist. Sie erzählen von ihren Herausforderungen, von ihren Problemen und was sie lernen möchten bzw. in welchen Situationen sie Unterstützung brauchen. Und dann wird das Programm angepasst. Die Jugendlichen stellen sich Fragen wie: Wie gehe ich lösungsorientiert damit um, wenn jemand stirbt oder jemand zu mir kommt und Hilfe braucht? Es ist sehr interaktiv. Die Workshops werden von den Moderatorinnen und den Jugendlichen zusammen konstruiert.

Welchen Effekt hat diese Lehrmethode auf die Jugendlichen?
Die Jugendlichen werden in ihrer Persönlichkeit gestärkt. Einerseits lernen sie, eine eigene Meinung zu entwickeln, und andererseits auch zu ihrer Meinung zu stehen bzw. sie zu vertreten.
Das ist sehr positiv. Es kann aber je nach Umfeld auch problematisch sein, wenn Jugendliche sich plötzlich behaupten können. Sie könnten auch als aufmüpfig wahrgenommen werden.
Es war uns von Anfang an klar, dass Jugendliche die eine Meinung haben, auch Probleme bekommen können. Darum versuchen wir die Projektverantwortlichen von Anfang an einzubinden. Am Anfang eines Projektes werden sie gefragt, ob sie überhaupt wollen, dass Jugendliche gestärkt werden. Ausserdem werden sie zur Teilnahme am Y2Y-Programm eingeladen. Bis jetzt hat das meistens sehr gut funktioniert. Aber dieser Aspekt ist eine Herausforderung für die Organisation und die jeweiligen Gemeinden.

Wieso ist das eine Herausforderung?
Das Bild von Jugendlichen in den Gemeinden ist oftmals schlecht. Sie werden vielfach als Problem wahrgenommen. Die Evaluation des Y2Y-Programms hat aber gezeigt, dass sich das Bild der Jugendlichen in der Gemeinde verbessert hat. Jugendliche, die eine SFA-Ausbildung durchlaufen haben, engagieren sich mehr in der Gemeinde, setzen sich ein und übernehmen Aufgaben. So werden sie wiederum auch mehr gehört. Diese Jugendlichen haben dann auch manchmal in der Organisation oder der Gemeinde einen Job bekommen.

Wenn Du die Arbeitsweise im Y2Y-Programm von heute mit derjenigen von vor acht Jahren vergleichst, was hat sich da verändert?
Wir haben festgestellt, dass Austausch in einem Netzwerk unter den Programm-Absolventen sehr wichtig ist. So können die Jugendlichen bestimmte Wörter aus dem Programm in ihre eigene Sprache übersetzen. Ausserdem ist es wichtig Bezüge zur jeweiligen Kultur zu schaffen und dort schon vorhandene, SFA-taugliche, Werte zu erkennen. Was wir niemals für möglich gehalten hätten ist die Tatsache, dass die Jugendlichen in ihrer Kultur ihre Version von SFA entwickeln. Sie entwickeln eigene Bildsprachen. Das zeigt einen Grad an Professionalisierung, den ich nicht für möglich gehalten hätte.

Welche Lehren hast Du aus den letzten acht Jahren Y2Y gezogen?
Es ist alles möglich, wenn Du daran glaubst und mit den Menschen daran arbeitest. Es lohnt sich Vertrauen in die Jugendlichen zu setzen.

Bei der Begleitung des Programms hast Du die Schicksale vieler Jugendlicher kennengelernt. Gab es Momente, die Dir im Gedächtnis geblieben sind?
Es berührt mich immer wieder, wenn ich Zeuge der Veränderungen der Jugendlichen bin. Da war beispielsweise eine junge Frau, die mir anfänglich nicht in die Augen sehen und etwas sagen konnte. Mittlerweile ist sie die Direktorin einer Partnerorganisation und kümmert sich um junge Frauen, die Übergriffe erlebt haben. Ein anderes Mädchen war Hausangestellte und ebenso eingeschüchtert. Die ersten zwei Module wusste sie nicht wirklich, wieso sie eigentlich dabei war. Nun macht sie eine Ausbildung zur Lehrerin und hilft anderen Hausmädchen. Aber es gibt auch Jugendliche, die die Ausbildung nicht abschlossen und trotzdem mit SFA weiter gemacht haben. Sie verwenden jetzt SFA als Methode bei ihrer Arbeit als Ärztin oder Rechtsanwalt. Die Teilnehmenden des Y2Y-Programms sehen sich mittlerweile durch die eigenständige Weiterverbreitung als eine Art Bewegung. Wir haben einige solche Erzählungen in unserem Buch festgehalten. Darum empfehle ich allen zuerst diesen Teil des Buches zu lesen. Er macht neugierig darauf zu erfahren, wie so etwas möglich ist.

Welche Rolle spielt das neue Buch im Y2Y-Programm?
Für die eigentliche Ausbildung spielt es keine Rolle. Es ist eine Dokumentation des Programms und seiner Entwicklung. Aus eigener Erfahrung in der Entwicklungszusammenarbeit kann ich sagen, dass das Y2Y-Programm ziemlich aussergewöhnlich ist. Und es war damals mutig, das so zu probieren. Das Ziel war es Jugendliche zu stärken, aber wir wussten nicht, ob das überhaupt funktionieren würde. Y2Y ist eine einmalige Sache.

Für wen ist dieses Buch geeignet? Welchen Personenkreis spricht Ihr mit diesem Buch an?
Für alle Organisationen, die mit Menschen zusammenarbeiten. Das Buch zeigt, wieviel man mit Zusammenarbeit erreichen kann. Menschen, die schon mit SFA arbeiten, können neue kreative Methoden für die Weiterentwicklung von SFA kennenlernen. Es gibt eine Menge praktischer Anleitungen. Nicht zuletzt zeigt das Buch, wie Laien angeleitet werden können, damit sie fähig sind anderen zu helfen.

Wo kann man SFA in dieser oder ähnlicher Form in der Schweiz erlernen?
Es gibt ein paar Kurse in der Schweiz, die das Basiswissen vermitteln. Aber so wie wir, mit dem kreativen Teil des Programms, gibt es das nicht. Man kann in der Schweiz SFA schon erlernen, aber in dieser praktischen und niederschwelligen Art gibt es das nur bei uns. Obwohl es auch hier in der Schweiz für Jugendliche funktionieren würde – zum Beispiel mit jugendlichen Flüchtlingen, die ähnliche kulturelle Hintergründe haben.

Youth2Youth ist in englischer Sprache verfasst und kann im Handel unter der ISBN-Nummer 9 7837 4316 1504 bestellt werden.
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