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Ana Paula Gomes de Oliveira mit ihrer erhobenen Faust vor dem Gebäude der UNO. Hinter iher die Fahnen der Mitgliederländer.

Polizeigewalt in Favelas: “Unsere Jungs sollen keine Statistiken werden.”

Manguinhos ist nur eine von vielen Gemeinden in Rio de Janeiro, die von Zwangsräumungen, Polizeigewalt und von Verletzungen der Menschenrechte betroffen sind. Und das im Namen von sportlichen Grossereignissen. Eine der Betroffenen, die sich dagegen zur Wehr setzen ist Ana Paula Gomes de Oliveira. In einem kurzen Gespräch berichtete sie über das Leid, dass sie und ihre Familie erfahren mussten.

Ana Paula Gomes de Oliveira, lebt seit ihrer Geburt in Manguinhos im Norden von Rio. Sie wurde nicht nur das Opfer von Zwangsvertreibungen, sondern verlor aufgrund der Polizeigewalt auch ihren Sohn. Ende Juni 2016 wurde sie als Vertreterin der betroffenen Bevölkerung von der UNO und dem IOC eingeladen, über die Lage in den Favelas von Rio und insbesondere über ihre eigene Geschichte zu berichten. Als sie in Genf zu Gast war, sprachen wir mit ihr.

Als Bewohnerin von Manguinhos sind Sie auch Opfer von Zwangsräumungen geworden. Haben Sie die Zwangsräumungen überrascht?
Ana Paula Gomes de Oliveira: Bis zum Jahr 2010 hatten wir keine Angst vor Zwangsräumungen. Meine Familie gehörte zu den Wenigen, die mit der finanziellen Kompensation ein Haus in einem anderen Teil von Manguinhos kaufen konnten. Trotzdem haben diese Zwangsräumungen meiner Familie viel Leid gebracht.

Welches Leid ist ihnen wiederfahren?
Sieben Monate nach der Zwangsräumung wurde mein 19 Jahre alter Sohn Jonathan mit einem Schuss in den Rücken von der Polizei getötet.

Was ist genau passiert?
Am Nachmittag des 14. Mai 2014 war er auf dem Rückweg vom Haus seiner Freundin als er auf einen verbalen Zwischenfall zwischen der Polizei und der Bevölkerung traf. Es waren viele Menschen vor Ort. Die Polizei begann Warnschüsse in die Luft abzugeben. Daraufhin begannen die Menschen vor der Polizei zu flüchten. Da war aber noch ein Polizist, der auf die Menschenmenge schoss, während diese auf der Flucht war. Er traf Jonathan im Rücken. Mein Sohn verblutete auf dem Weg ins Spital.

Wurde dieser Polizist zur Rechenschaft gezogen?
Es war ungeheuerlich, als ich später hörte, dass dieser Polizist immer noch im Dienst ist. Dabei wird gegen diesen Polizisten des Mordes in drei und wegen versuchten Mordes in zwei Fällen untersucht. Als ich davon erfuhr, versuchte ich den Menschenrechtsbeauftragten des Bundesstaates zu überzeugen, dass dieser Polizist mindestens versetzt werden sollte. Was dann später auch geschah.

Jonathan ist kein Einzelfall…
Seit Jonatha wurden nur in unserer Gemeinde acht Jungen getötet. Sie wurden erschossen, zu Tode geprügelt oder erlagen den Verletzungen durch einen Elektroschocker. Die Menschen in der Gemeinde kennen sich gegenseitig gut. Es ist für alle schmerzhaft. Wir waren noch nicht einmal über die Tötung meines Sohnes hinweg, als es weiter ging.

War das schon immer so?
Die Beziehung zwischen der Polizei und der Bevölkerung war schon immer von Gewalt geprägt. So schlimm wie jetzt ist es seit dem Start des Urbanisierungsprogramms der Regierung. Seither versucht die Regierung die Favelas mit einer schwer bewaffneten Polizeieinheit zu “befrieden”. Auf dem Papier geht es um Polizeiarbeit, aber in der Realität bedeutet es eine Militarisierung der Polizei.

Und was ist der Grund für die viele Gewalt?
Der Rassismus ist in Brasilien sehr stark. Betrachtet man die Anzahl der Menschen die in den Favelas von der Polizei getötet werden, dann ist die Zahl der jungen schwarzen Menschen sehr hoch. Ausserdem haben Schwarze nicht die gleichen Chancen. Da sie keine gute Ausbildung haben, können sie wenig erreichen.

Junge schwarze Menschen wie ihr Sohn. Was war er für ein Mensch?
Jonathan war ein freundlicher und beliebter Junge. Er ging gerne aus. Er liebte Musik und das Tanzen. Er hatte eine feste Freundin und sie dachten darüber nach sich zu verloben. Er wollte zum Militär und Fallschirmspringer werden.

Sie haben ihr Zuhause und ihren Sohn verloren. Woher nehmen Sie die Kraft für ihr politisches Engagement?
Sie kommt aus der Liebe für meinen Sohn. Sie kommt aus der Hoffnung, dass eines Tages die Mütter das Recht haben werden, mit ihren Söhnen zusammen zu leben.

Wo engagieren sie sich politisch?
Als Jonathan getötet wurde, bekam ich grosse Unterstützung von einer lokalen Bewegung. Ich bin ein Teil dieser Gruppe geworden und sie unterstützt mich bis heute in meinem Kampf gegen die Polizeigewalt. Als Bewegung nehmen wir nach einem solchen Verlust immer Kontakt mit den Familien auf und helfen auch bei der Mobilisierung für Proteste.

Was bedeutet es für sie hier in Genf zu sein und vor dem IOC/der UNO sprechen zu dürfen? Was werden sie den Leuten sagen?
Für mich stellt die Möglichkeit hier zu sein einen grossen Sieg dar. Es ist ebenso eine grosse Verantwortung, weil ich tausende brasilianische Mütter repräsentiere, die ihre Söhne durch Polizeitötungen verloren haben. Für uns Menschen aus den Favelas ist das eine Chance den Toten eine Stimme zu geben. Wir sind müde unsere Verstorbenen zu beweinen und möchten, dass es aufhört.

Was bedeutet es für Sie, wenn internationale Organisationen wie Terre des Hommes sie unterstützen?
Es ist sehr wichtig diese Unterstützung zu haben, denn in Brasilien sind die Verletzungen des Rechts auf Leben alltäglich, normal geworden. Vielleicht kann die internationale Öffentlichkeit dabei helfen diese Gleichgültigkeit aufzubrechen.

Was können die Menschen in der Schweiz tun? Genügt es sich solidarisch zu zeigen?
Es ist sehr wichtig, dass die Menschen über diese Vorfälle sprechen und anerkennen, dass es diese Probleme gibt. Die Olympischen Spiele haben zu mehr Toten geführt. Die Behörden wollen das schöne Rio zeigen und versuchen deswegen uns zu verstecken.

Werden Sie sich noch an den Spielen erfreuen können oder wünschen sie sich, dass alles möglichst schnell vorbei ist?
Unglücklicherweise werde ich nur wenig Zeit haben über die Spiele nachzudenken, denn ich werde mich vollständig auf die Sicherheit meiner Familie und Freunde konzentrieren müssen. Während der WM erhöhte sich die Zahl der Leute die von der Polizei verhaftet und getötet wurden. Darum haben wir Angst, dass das Vermächtnis der Olympischen Spiele für die armen Menschen aus Blut, Leid und Tränen bestehen wird.

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